Reggio di Calabria – Pizza, Pasta, Vino & die Mafia

Mein Mann musste letzte Woche geschäftlich (mal wieder) nach Kalabrien und ich hatte zufälligerweise zeitgleich Urlaub und beschloss deshalb kurzerhand ihn einfach mal zu begleiten.

Ein bißchen Urlaub in Italien hat schließlich noch niemandem geschadet 🙂

Außerdem war ich noch nie zuvor in Süditalien, bin total Meer-süchtig, liebe Pasta & Pizza und wollte einfach nochmal ein paar Sonnenstrahlen und das „il dolce far niente“ geniessen.

So war zumindest der Plan!

In Anbetracht der Kurzfristigkeit unseres gemeinsamen Urlaubes hatte ich mich dieses Mal auch überhaupt nicht großartig mit dem Urlaubsziel beschäftigt und einfach alles auf mich zukommen lassen. Was sollte in Italien auch schon schiefgehen??? Ich war ja schließlich schon öfter in Italien und es war immer Liebe auf den ersten Blick!

Nicht so in Reggio! Nicht so in Kalabrien! Denn Kalabrien ist anders! Anders als alles, was ich bisher in Italien gesehen und erlebt habe… obwohl es dann doch irgendwie typisch italienisch ist. Und man es deshalb einfach lieben muss!

Aber eben nicht auf den ersten oder zweiten Blick – eher so auf den 3ten 🙂

Angefangen hatte dieser Eindruck/Unterschied bereits auf dem Ankunftsflughafen in Lamezia – der klein, dreckig, heruntergekommen und einfach nur alt ist. Und nach einer viel zu kurzen Nacht, dem Flug mit der berühmt & berüchtigten Low-Cost-Airline (die glücklicherweise zumindest kurzfristig ihre Streiks eingestellt hatte) braucht man um 09.00 Uhr morgens bei Ankunft definitiv nicht so einen Flughafen… aber ok! Zumindest war es morgens um 09.00 Uhr vor dem Flughafengebäude schon schön war – wenigstens etwas. Dieses „schön“ relativierte sich dann aber ziemlich schnell, nachdem wir fast geschlagene 2 Stunden vor dem Hertz-Schalter auf unseren Leihwagen warten mussten, denn die Temperaturen stiegen linear zu unserem Frustpegel.

Aber die Italiener sind eben doch nett! Und irgendwann saßen wir schliesslich in unserem (fast) nagelneuen Leihwagen und tuckerten (Dank des Tempolimits) die ca. 130 km Richtung Reggio durch die etwas öde und schnöde Landschaft, durchquerten die unzähligen Tunnel auf diesem Weg und durften uns einen Eindruck über eines der Hauptprobleme in Kalabrien verschaffen.

An dieser Stelle möchte ich aus gegebenem Anlass mal kurz einen Dank an das deutsche Abfallentsorgungssystem aussprechen!

In Kalabrien gibt es so etwas vielleicht auch. Man sieht und merkt es nur nicht! Man sieht nur Unmengen von Müllhaufen – überall 😦 Es ist eine Katastrophe, sieht verheerend aus, stinkt dementsprechend und ist einfach nur abschreckend. Teilweise zünden die Einheimischen diese Müllberge auch einfach an Ort & Stelle an, um sie so zu „entsorgen“, was die Sache allerdings auch nicht besser macht.

Nach Rückfragen bei dem ein oder anderen Einheimischen wurde uns später erklärt, dass das Müllproblem sogar noch schlimmer war, man es aber jetzt so langsam in den Griff kriegt und sogar vor ein paar Wochen (nicht Monaten oder Jahren!) die Mülltrennung eingeführt hat.

Gemeint ist in diesem Zusammenhang wohl aber eher, dass man das Hauptproblem in Kalabrien so langsam etwas in den Griff bekommt – nämlich die Mafia. Die u.a. auch hauptverantwortlich für den Müll ist bzw. für die willkürliche Entsorgung oder Nichtentsorgung dieser Abfallberge. Der Müll wird nämlich nur entsorgt, wenn die Kommune entsprechende Schutzgelder abdrückt. Ansonsten bleibt eben alles liegen.

Und von Kommunen Schutzgelder zu verlangen, die zu der ärmsten Provinz in Süditalien gehören, ist so eine Sache, die sich dann leider oftmals eben nicht immer so realisieren lässt.

Aber wie gesagt: Man kriegt es ja jetzt angeblich so langsam in den Griff. Und damit dann vielleicht nach und nach auch so andere Probleme…

… denn das Problem mit der Mafia ist latent überall „präsent“, auch wenn man die Mafia selbst nicht sieht oder als Tourist auch nur wenig davon mitbekommt. Sie ist da! Und auch als Nicht-Einheimischer spürt man das, wenn man nicht einfach nur oberflächlich durch die Gegend läuft oder auch mal hier und da nachfragt.

Und dank der Geschäftspartner meines Mannes, die allesamt Einheimische sind, haben wir eben auch einen Blick „hinter die Kulissen“ werfen dürfen und die ein oder andere Info erhalten, die man ansonsten als Tourist eher nicht erfährt und die auch in keinem Reiseführer steht, selbst wenn er noch so gut ist.

Denn auch die Einheimischen sind beim Thema „Mafia“ nicht unbedingt einer Meinung bzw. nicht alle sind bereit mit ihr zu „kooperieren.“ Wobei kooperieren definitiv das falsche Wort ist, denn Kooperation ist normalerweise ja eher eine freiwillige Sache. Und so ganz freiwillig zahlt wohl kaum jemand Schutzgeld an die Mafia. Das ist dann eher so gezwungenermaßen, denn wenn die Mafia mal an deiner Tür klopft und Schutzgeld verlangt, kannst du schlecht „nein“ sagen. Zumindest nicht ohne Konsequenzen. Und die Konsequenzen können dann auch schon mal Brandanschläge oder Sprengstoffsätze sein. Viele Unternehmen verzichten deshalb auch gerne schon mal auf ein Firmenschild am Gebäude, wechseln regelmäßige ihren Firmensitz oder treten nach Außen auf den ersten Blick am liebsten gar nicht in Erscheinung. Frei nach der Devise: Bloß nicht auffallen. Je später die Mafia auf einen aufmerksam wird, desto besser (und günstiger).

Die Mafia hat in Kalabrien schon Einige die Existenz gekostet und manche haben dadurch auch alles verloren.

Und dieses Bild prägt leider auch die Landschaft, die Strassen und die ganze Provinz. Unzählige unfertige Neubauten, total heruntergekommene Häuserfassaden, ausgebrannte Geschäfte und Armut an fast jeder Ecke. Und Polizei…. und zwar sehr viel Polizei. An der Strandpromenade, vor den Geschäften, vor den Hotels, auf der Straße, vor der Eisdiele, am Strand… einfach überall. Insofern fühlt man sich als Tourist schon sehr, sehr sicher und verdammt gut bewacht – was ja nicht unbedingt verkehrt ist 🙂

Und mittendrin – dann doch wieder typisch italienisch – überall gut gekleidete Italiener, mit Händen und Füßen gestikulierend, einen Espresso in der Hand irgendwo am Tresen stehend und am Abend an der Promenade flanierend.

Es ist widersprüchlich, aber eben auch wieder typisch für Südeuropa – und vielleicht gerade in Italien auch einfach nicht wegzudenken. Denn hier achten die Menschen einfach viel mehr auf ihre äußere Erscheinung, egal wie viel Geld sie verdienen. Hier springt keiner einfach mal eben in der Jogginghose zum Bäcker oder sieht völlig verwahrlost aus.

Hier gilt nicht die Devise: Mein Haus, mein Auto, mein Boot… denn im Haus hält man sich sowieso nur zum schlafen auf, die Autos haben spätestens nach der ersten Probefahrt eh irgendwo eine Beule und Boote am Meer sind eben auch keine Seltenheit.

Das Leben spielt sich auch in Kalabrien nach der Arbeit draußen ab – vorausgesetzt man hat überhaupt einen Job, was in Anbetracht der extrem hohen Arbeitslosenquote in dieser Provinz weder einfach noch selbstverständlich ist. Speziell bei der jüngeren Generation. Und das, obwohl viele junge Leute sogar Akademiker sind, die meist irgendwo in Norditalien studiert haben und dann aus Liebe zu ihrer Region und vor allem wegen ihrer Familie wieder nach Kalabrien zurückgekehrt sind. Familie hat in Italien eben auch heute noch einen ganz besonderen Stellenwert – daran ändert auch Armut, Müll und Mafia nichts!

Und die Liebe zur Region kann ich jetzt – nach 1 Woche Reggio di Calabria – sogar verstehen, auch wenn es bei mir ein paar Tage länger gedauert hat wie zuvor in anderen Regionen Italiens.

Vielleicht ist es die besondere Küche Calabriens, die einfach etwas schärfer ist, vielleicht ist es die Nähe zu Sizilien, die das Ganze noch mal etwas besonderer macht, vielleicht ist es auch die Herzlichkeit der Menschen dort…. ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass ich von Italien niemals zuvor so schockiert war und mich dann innerhalb von nur wenigen Tagen fast schon so etwas wie ein wenig „heimisch“ gefühlt habe.

Ich könnte mir jetzt nicht sofort vorstellen dort zu leben, dafür gibt es definitiv schönere Regionen in Italien.

Aber die Region Kalabrien hat etwas und erinnert mich ein bißchen an einen „Rohdiamant“, in den ich mich auch nicht sofort auf den ersten Blick verlieben würde 🙂

Und mal abgesehen von der Mafia passt Pizza, Pasta & Vino doch eigentlich immer, oder etwa nicht? Und Sonne und Meer sowieso. Die Kombination von allem ist also schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

Den Rest kriegen die Italiener dann auch noch in den Griff, davon bin ich überzeugt. Auch wenn es vielleicht etwas länger dauert. Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag erbaut 🙂

Und bis dahin leben die Einheimischen in Kalabrien einfach weiter ihr Leben… bzw. geniessen ihr Leben und LEBEN es tatsächlich!

Letzteres ist vielleicht der größte Unterschied zu uns Deutschen, denn viele von uns haben verlernt zu geniessen und das Leben zu leben.

Wir essen, weil wir Hunger haben – treffen Freunde, wenn wir mal Zeit haben – und feiern, wenn es einen Anlass gibt.

In Kalabrien hatte ich das Gefühl, dass die Menschen dort einfach alles miteinander vereinen und in ihren ganz normalen Alltag integrieren. Man isst z.B. abends nicht einfach nur allein in seinen 4 eigenen Wänden, sondern trifft sich mit Freunden zu einem stundenlangen, geselligen und lustigen Abend zu Hause oder irgendwo Auswärts, geniesst dieses Zusammensein und lässt den Tag einfach entspannt ausklingen.

Wir haben uns jetzt vorgenommen, dass das ab sofort bei uns auch anders werden wird –   und in der 1 Woche Kalabrien schon ausgiebig erprobt, wie man stundenlang kleine Leckereien geniessen kann.

So schwer ist das gar nicht 🙂

Auch wenn vielleicht das Eis, die vielen unterschiedlichen kleinen Küchlein & Gebäcke, der Vino und die Pizza in Kalabrien immer ein bißchen besser schmecken werden…. und man hier beim Essen nicht an der Strandpromenade sitzt und auf der anderen Seite auf Sizilien schauen kann.

Dafür haben wir andere schöne Dinge… andere (kleinere) Probleme und auch ansonsten noch viele Annehmlichkeiten, die das Leben hier lebens- und liebenswert machen.

Man muss es nur zu schätzen wissen und geniessen!!!!!

In diesem Sinne: la vita è bella 🙂

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verfasst von

Mein Faible für alte Immobilien, Interior (speziell Industrial) sowie Redesign und Reisen hat mich bewogen diesen Blog ins Leben zu rufen. Ihr werdet hier zukünftig also über alles Mögliche lesen ... größtenteils natürlich über das Leben, welches mich 24/7 begleitet :-)

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